Gleichzeitigkeit

1. Skizzenbücher - Malerei

Seit den letzten Jahren meiner Schulzeit habe ich durchgängig in kleinen Skizzenbüchern aus der Vorstellung heraus gezeichnet, dies auch während
des Unterrichts in der Schule. Unter meinen Mitschülerinnen und Mitschülern galt ich deshalb als „der, der zeichnet“.
In Briefen an Freundinnen fügte ich kleine Federzeichnungen ein. Diese persönliche Art, Kunst zu machen, genügte sich meistens selbst. Ähnliche
Bedeutung hatte mein zunächst nur schriftliches Tagebuch, in das ich nach und nach kleine Skizzen, schließlich Zeichnungen ohne Text geklebt habe. Das war der Beginn regelmäßiger selbständiger künstlerischer Arbeit.
Als Einzelarbeiten im größeren Format entstanden Malerei mit Tubentempera auf Karton. Weil die dick aufgetragene Farbe teilweise absprang, suchte ich nach einem Mittel, sie wieder zu fixieren, und erfand eine Mischung aus Tempera
und Dispersionsbinder. Der Binder war eigentlich gedacht als farbloser Überzug für Tapeten.Diese Farbe habe ich in der Folge für meine Malerei
ausschließlich verwendet. Das Zeichnen auf leicht verfügbarem kleinen Format fand stets parallel dazu statt.
Andere langfristige Serien waren eher persönliche Trainingsprogramme. So illustrierte ich alle Lieder eines selbst geschriebenen Liederbuchs mit kleinen
Skizzen. Dadurch wurde ich geschult im Erfinden der verschiedensten Figuren und Gegenstände.
Kleine Zeichnungen in verschiedenen Skizzenbüchern habe ich unregelmäßig bis heute weiter geführt; zunächst kleine Ringbücher im Oktav, dann später größere Formate in Klemmordnern, meistens mit einem Datum versehen. Viele von
diesen Zeichnungen wurden irgendwo unterwegs angefangen und dann an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit fortgesetzt oder beendet. In
längeren Zeiträumen hatten diese einen ähnlichen Stil, sodass ich jederzeit weiterarbeiten konnte. Dabei führten Unterbrechungen und der Wechsel
des Umfeldes zu differenzierten Ergebnissen. Die einzelnen Zeichnungen wurden bildgemäß ausgearbeitet

2. Aktzeichnen - Figurenbilder

In den 80-er Jahren habe ich in einem  gemeinschaftlichen Atelier gemalt. Wöchentlich wurde Aktzeichnen organisiert. Die vielen Aktzeichnungen blieben zwar für sich, zeigen aber häufig abgeschlossene Kompositionen.
Sie hatten indirekt Einfluss auf die zeitgleichen großformatigen Pastelle mit erotischen Motiven, die schon erwähnten Drachenmotive der 80-er und dann die Figurenbilder der frühen 90-er Jahre.

Unter Strom3. Digital - handgemacht

Anfang der 90-er Jahre habe ich, zunächst mit großer Skepsis, mit dem einfachen Bildbearbeitungsprogramm Grafiken gestaltet. Davor war der Computer für mich bloß eine andere Art von Schreibmaschine. Meine ersten Versuche mit dem
Malprogramm waren zunächst wenig ermutigend, hatten aber einen dadaistisch anmutenden Reiz.
Ich stellte gleich zu Anfang fest, dass das freie Zeichnen mit der Maus, anders als bei der Arbeit mit dem Zeichenstift, bloß zu merkwürdigen ‚Fieberkurven’ führte. Was der Computer aber zur Verfügung stellt, ist vorgefertigtes Material,
Rechtecke, Elypsen, Geraden. Solche Formen frei Hand zu zeichnen, erfordert dem gegenüber viel Routine. Die mit dem Computer gezeichneten Formen sind vorgeformt, vergleichbar mit teilbearbeiteten Materialien, also „Halbzeug“, das
man wie in einem Baukasten weiterverarbeiten kann. Umrisslinien von Rechtecken lassen sich, wenn man sie am Bildschirm herstellt, wie Gummiseile beliebig dehnen. Das gilt auch für Ellipsen. Dieses war insofern faszinierend, weil im Gegensatz das freie Zeichnen von Ellipsen sehr viel Übung voraussetzt.
Aus unterschiedlich großen Ellipsen lassen sich sehr gut Figuren zusammensetzen. Wenn man darüber hinaus differenziertere Figuren entwickeln
will, kann man diese Formen sich vielfältig überlagern lassen und mit einer geschlossenen Kontur versehen.Diese Methode wurde besonders bei den Entwürfen von Comikfiguren Walt Disneys angewendet. Als geschlossene Flächen sind diese konturierten Figuren vergleichbar mit Gefäßen, deren Innenraum mit jeder Farbe gefüllt werden kann. Wenn man mit dem Radierstift versehentlich eine kleine Lücke in die ununterbrochene Kontur schneidet, verlässt beim Füllen die Farbe scheinbar die nicht ganz geschlossene Umhüllung,
um sintflutartig fast die Arbeitsfläche unter Farbe zu setzen. Das Volllaufen eines großen Teils des Bildes lässt ursprünglich kleinteilige Figuren zu einer relativ geschlossenen Fläche mit Reststrukturen verschmelzen. So entstanden viele
Hintergründe meiner Bitmaps. Ein „Betriebsunfall“ wurde also zum Gestaltungsmittel.

Differenziertere Strukturen lassen sich auf diese oder ähnliche Manipulationen mit dem Computer herstellen. Dadurch hatte ich, wie in meiner Malerei,
vorgefertigte halbabstrakte Hintergründe, in die ich eigene Figuren einfügen konnte. Zum Charakter dieser Bitmaps ein Kommentar von Eckhard Müller
aus dem Weserkurier, Bremen, aus Anlass meiner ersten Ausstellung von Computerbildern: Was mit neugieriger Spielerei begann, wurde für ihn zur
intensiven grafischen Arbeit vor dem Monitor, oft bis tief in die Nacht hinein. Ganz ohne auf grafische Vorlagen zurückzugreifen - Sievers ist die Arbeit mit dem Scanner fremd - und nur auf die Möglichkeiten des Monitors und eines Schwarzweiss-Druckers beschränkt, zeichnete er umfangreiche Bilderserien. …Sievers’ Themen ähneln denen früherer Ausstellungen des Künstlers:
In Landschaften taucht ein riesenhafter weiblicher Akt auf, der Augenstrahlen auf einen Mann im Zelt schiesst, der wiederum im nächsten Bild mit einem Zauberstab zurückfeuert. Ein Hausdach explodiert in kosmische Sphären, und der Friede der Wacholderbüsche an der Stra?e wird vom riesigen Abflussrohr besudelt. Als Leitmotiv taucht immer mal wieder ein Haus oder ein Zelt auf, Gebilde, die in diesen Arbeiten besonders gut auf den Charakter von Flächen hinweisen, die erst in den Köpfen der Betrachtenden räumlich werden.
Bestechend ist die naturalistische grafische Qualität einiger Arbeiten, die man diesem Programm so nicht unbedingt zugetraut hätte. Aber Sievers wehrt sich
gegen die Überhöhung der Computer-Technik für den Schaffensprozess: „Wenn Leute sagen, Computergrafik sei fortschrittlich oder modern, dann ist das für mich Unsinn. Denn wenn ich nicht schon vorher gut zeichnen könnte, könnte ich auch mit dem Gerät nicht vernünftig arbeiten.
Bei der Arbeit mit dem Computer kam mir meine frühere Erfahrungen mit Copygrafiken zu Gute. Beim späteren Arbeiten mit Photoshop haben mir außerdem Erfahrungen aus dem Malen mit Wasserfarben genützt. Auch dort waren unerwartete Reaktionen des Programms Anlass für neue Bildlösungen.